Mir kam die Frage auf, wie ich eigentlich Musik, die mir spontan und intuitiv nicht gefällt, für mich bewerte und ob ich hier eigentlich auch alle oder einige Kriterien meines Katalogs ansetze, die ich im Post Wie ich Musik qualitativ bemesse formuliert habe.

Auslöser

Öfter beim Hören von Musik fiel mir bisher auf, dass ich mir sehr schnell und intuitiv ein Urteil über ein Musikstück machte. Da kam mir der Gedanke, woran ich das eigentlich fest machte. Der Gedanke kam vor allem öfter, nachdem ich den oben verlinkten Post geschrieben hatte. Entsprechend entwickelte sich die Frage dahin gehend, ob ich die erarbeiteten Kriterien des Blogposts wirklich alle in dieser kurzen und intuitiven inneren Bewertung nutze.

Es entwickelten sich also folgende Fragen:

  • Was geht in meinem Kopf ab, wenn ich Musik, die mir spontan nicht gefällt, höre?
  • Wie bewerte ich entsprechend Musik intuitiv als schlecht?
  • Setze ich wirklich alle Kriterien meiner Kriterienliste an?

Vorgehen

Nun fragte ich mich, welche Musikstücke ich spontan anhören könnte, um darauf zu achten, wie ich sie spontan und intuitiv bewerte. Ein Bekannter aus dem Internet generierte mit KI kürzlich einige Musikstücke. Ich wusste, dass mir die nicht so gefielen und hörte in neue seiner Stücke rein. Schnell fiel mir auf, dass alle Stücke nur vier Akkorde in gleicher Abfolge nutzten und in einem Stück halluzinierte das Model aus einer Clap plötzlich eine Snare. Dann bemerkte ich allerdings, dass ich bereits voreingenommen war, weil es sich um KI generierte Musikstücke handelt.

Folglich suchte ich einfach ein Musikstück eines Künstlers, von dem ich wusste, ihn nicht zu mögen. Ich hörte in das erste Stück rein, das ich fand, bewertete es intuitiv in der Tat als schlecht und bemerkte dann: ich bin hier natürlich auch einfach knallhart voreingenommen.

Dann ging ich auf Audiojungle und hörte in die ersten neuen Stücke rein und fand sie nicht gut. Aber auch hier erinnerte ich mich schnell daran, dass ich ja ebenfalls voreingenommen bin.

Es schien auf mich, als spiele schon einmal sehr stark mit rein, dass ich schnell Musik als schlecht erachte, wenn ich voreingenommen gegenüber der Plattform oder dem Künstler bin. Ich dachte daran, dass ich quasi nie auf Bandcamp unterwegs bin und auch keine wirkliche Meinung zu dieser Plattform habe. Also besuchte ich diese Plattform und suchte nach den neuesten Musikstücken und hörte in einige Stücke rein. Dabei achtete ich ein bisschen darauf, dass nicht alles dem gleichen Genre zugehörig ist, übersprang entsprechend einige Stücke und schrieb parallel ein bisschen auf, was mir sofort negativ auffiel.

Daten

Diese Mitschrift möchte ich nun versuchen hier zusammen zu fassen. Dabei fragte ich mich vorab, ob ich die konkreten Musikstücke auch hier nennen und verlinken soll. Da ich für Transparenz bin und klangliche Beispiele auch sinnvoll finde und damit man noch besser meine Gedankengänge nachvollziehen kann, werde ich die Stücke verlinken.

Aber ich möchte vorweg fairer Weise aussprechen, dass es sich hier um eine subjektive Bewertung handelt! Gerade im Zusammenhang mit dem Post-Titel (“schlechte Musik”) möchte ich weder den Eindruck erwecken, dass diese (eher zufällig) gewählten Musikstücke vermeintlich objektiv schlecht seien, noch möchte ich in irgendeiner Weise diese Stücke oder die dahinter stehenden Künstler allgemein schlecht reden! Wenn ich weiter unten dennoch von vermeintlicher Objektivität schreibe, beziehe ich mich dabei nur auf meinen Kriterienkatalog. Zu beachten ist also, dass auch dieser durchaus einer gewissen Subjektivität unterliegt.

Musikstück 1

“Night Drive / Luminality” von Gin Crown ist auf Bandcamp unter anderem mit den Tags “Electronic, Techno, Deep House” gekennzeichnet. Folgende Elemente fielen mir spontan negativ auf:

  • Die Kick spielt auf jeder Viertel Note (four on the floor) und hat einen üblichen Klang, den ich meine aus diesem Genre schon oft gehört zu haben.
  • Der Bass wirkt auf mich chaotisch und unruhig.
  • Es gibt Laser-artige Sounds.
  • Es wirkte insgesamt unruhig auf mich. Vermutlich durch das Tempo und Elemente, die das Genre nun einmal ausmachen.
  • Clap und Hi Hat hatten ebenfalls einen üblichen Klang und spielten übliche Rhythmen, wie ich sie glaube oftmals in diesem Genre bereits gehört zu haben.

Es kristallisiert sich hier für mich jetzt heraus, dass es viele Elemente sind, die das Genre Techno nun einmal ausmachen, mir aber nicht gefallen. Die Frage bleibt, ob meine spontane negative Bewertung jetzt entsprechend wirklich auf das Stück bezogen ist oder ich das gesamte Genre Techno ganz einfach nicht so mag. Spontan jetzt beim Schreiben und erneutem Hören würde ich vermuten, dass das Stück an sich kein schlechtes ist, sondern ich nur zu wenig im Genre Techno unterwegs bin.

Musikstück 2

“Right Now (Spiiro Remix)“ von Gay Jazz ist auf Bandcamp mit den Tags “Electronic, London” gekennzeichnet. Folgende Elemente fielen mir spontan negativ auf:

  • Es gibt eine Pop-artige weibliche Gesangsstimme mit einfacher und sich immer wiederholender Melodie.
  • Es setzt plötzlich ein Hardstyle ein, der mit der sehr verzerrten Kick auch andere Stimmen weg drückt, sodass sie schlechter zu hören sind.
  • Durchweg sind Akkorde und Melodien sehr gleich und variieren zum Teil gar nicht.

Der Backbeat, der später noch einsetzt hat das Stück für mich hingegen wieder etwas aufgewertet. Aber insgesamt gefielen mir die Simplizität der Harmonien und der Melodie vor allem in Kombination mit dem Hardstyle-Klang nicht. Erneut vermute ich, dass das Stück in einem Genre unterwegs ist, zu dem ich objektiv kaum zu bewerten vermag, da ich die Szene nicht so kenne. Es bleibt hierbei also vermutlich eher bei einem rein subjektiven Werturteil.

Musikstück 3

“rinarii07 - Swamp Pavement” von mlem mlem ist auf Bandcamp mit den Tags “Experimental, France” gekennzeichnet. Folgende Elemente fielen mir spontan negativ auf:

  • Es wird die Gesangsspur von “All Star” der Band “Smash Mouth” genutzt. Dabei wird sie nicht geschnitten oder verändert und der musikalische Anteil des Stücks wirkt sehr brav und nicht neu auf mich.
  • Auf der nicht-musikalischen Ebene fand ich keinen Hinweis zum Original, aber einen Copyright Hinweis mit “Alle Rechte vorbehalten”. Das wirkte nicht aufrichtig auf mich.

Vom Genre her ist das Stück für mich nicht “Experimental”, sondern eher Pop, ggf. Rock. Ich fühlte insgesamt keinen Mehrwert, fühlte mich aber zugleich dieses Mal nicht so, als hätte ich zu wenig Erfahrung mit dem Genre. Dennoch möchte ich fairer Weise sagen, dass vermeintlich objektiv betrachtet das Stück klanglich jetzt nicht schlecht produziert auf mich wirkte. Ich fand es vor allem kompositorisch nicht originell genug und auch nicht ehrlich genug auf der Metaebene, um es für mich als “gut” bewerten zu können.

Musikstück 4

“futile” von Ashen Blood ist auf Bandcamp unter anderem mit den Tags “Ambient, Breakcore, Drum & Bass” gekennzeichnet. Folgende Elemente fielen mir spontan negativ auf:

  • Der Ambient Teil wiederholt sich ohne Variation.
  • Nach einer geraden Taktzahl setzt ganz unerwartet direkt ein hektischer Drum Beat ein. Das fand ich erschreckend und unerwartet und zugleich passt es absolut nicht zur anfänglichen Stimmung des Stücks. Beim Schreiben ergänzend nachgedacht: “futile” heißt “vergeblich” oder “aussichtslos”. Entsprechend passt auch hier das Hektische und Plötzliche des Beats nicht mit dem Titel des Stücks zusammen, wie ich finde.
  • Der Beat glitcht ab und zu, was ich klanglich unschön umgesetzt finde.
  • Der Rest des Stücks wirkt wie Copy&Paste und es passiert nichts wirklich. Weder mit dem Ambient Backing noch mit dem Beat. Letzterer hört am Ende ganz plötzlich auf.

Es ist hier wieder nicht ganz mein Genre, muss ich gestehen. Aber dennoch ist es nicht so fern von Stücken, die ich auch bereits mal gemacht habe und entsprechend auch überzeugt produziert habe. In diesem Stück hier wirkt die Struktur auf mich, als hätte man zwei Duplo Steine versetzt aufeinander gesteckt, nur auf Play und irgendwann auf Stop gedrückt. Es fehlt hier also gänzlich für mich eine schöpferische Tiefe. Das Stück würde ich auch Anhand vieler Kriterien meines Katalogs als vermeintlich objektiv minderwertiger bewerten wollen.

Musikstück 5

“Blood Moon” von XTaKeRuX ist auf Bandcamp unter anderem mit den Tags “Rock” gekennzeichnet. Hier fiel mir auf Anhieb nichts wirklich negativ aus. Es ist, fairer Weise erwähnt, in einem Genre, das mir sehr viel eher zusagt. Aber auch vermeintlich objektiver betrachtet hat es einen transparenten Klang, die Instrumente sind (auch auf dem Laptop) druckvoll und man kann alles gut erkennen. Zudem gibt es gleich zu Beginn einen Wechsel in einen neuen Teil, der dennoch homogen zum Intro wirkt. Die Soli bieten Variation, wobei man auch hier anmerken muss, dass das ganze Backing durchweg großteils etwas monotoner bleibt. Es gibt aber variierende Mittel-Teile und Drum-Fills, die ebenfalls für ein Aufatmen sorgen und somit Abwechslung bringen. Die Solo-Gitarre ist allerdings ein kleines bisschen zu laut abgemischt. Das Ende ist sehr abrupt und klingt irgendwie ungewollt.

Das Stück würde ich also meinem Geschmack nach als eher hochwertiger bezeichnen und auch als vermeintlich objektiv tendenziell hochwertiger, entlang meiner Kriterien.

Musikstück 6

“Epic Adventure OST” von Stefan Sima ist auf Bandcamp unter anderem mit den Tags “Soundtrack, Orchestral” (aber auch “Chiptune”, was gar nicht passt!?) gekennzeichnet. Folgende Elemente fielen mir spontan negativ auf:

  • Die Instrumente klingen eher synthetisch und sind, meiner Empfindung nach, schlecht gesampelt, was das Hörerlebnis irgendwie gestört hat.
  • Motive waren durchweg sehr monoton und es hat sich viel im Copy&Paste Stil wiederholt.
  • Rhythmisch klang es stellenweise ungewollt holprig, als hätten die genutzten Samples nicht so mit gemacht, wie gewünscht.
  • Es stechen plötzlich Holzbläser heraus, die auch gar keine variierende Dynamik enthalten.
  • Es scheint gänzlich ein Hall zu fehlen. Der vorhandene Hall-Anteil klingt nach dem Hall der genutzten Samples.

Es handelt sich hierbei um mein Haupt-Genre. Entsprechend sind mir natürlich schnell mehrere Elemente aufgefallen, weil meine Ohren im Verlauf der Jahre besser darin geschult wurden und ich gängige Elemente einfach verinnerlicht habe. Das macht es andererseits natürlich etwas schwierig. Denn eventuell bin ich bei solchen Stücken dann ebenfalls voreingenommen, weil ich erst recht etwas Gutes erwarte und schneller enttäuscht werden kann? So oder so würde ich dieses Stück letztendlich sowohl vom subjektiven Geschmack her, wie auch von meinem Kriterien-Katalog ausgehend als minderwertig betrachten.

Musikstück 7

“Trailer Musik zum Spiel Paradox Soul” ist auf Steam zu sehen. Folgende Elemente fielen mir spontan negativ auf:

  • Es beginnt mit einer losgelösten Atmosphäre, die plötzlich aufhört und ein Synthwave Track einsetzt. Das kann dem Video-Schnitt geschuldet sein und sich entsprechend um zwei unterschiedliche Werke handeln.
  • Das Drumkit ist irgendwie vom Mix her zu weit im Hintergrund.
  • Kompositorisch wurden hier nur wenige Takte erstellt und von vorn bis hinten wiederholt ohne Variation.
  • Die Musik unterstützt die Szenen nicht.

Diesem Genre bin ich jetzt auch nicht zu fern und mag es ganz gern. Entsprechend bin ich hier nicht negativ voreingenommen vom Genre her. Die Umsetzung in diesem Werk erachte ich als sehr schlecht. Vor allem der repetitive Charakter ist ermüdend für das Ohr. Es macht keinen Spaß, die ganze Zeit das Gleiche zu hören. Zudem gibt es mir das Gefühl, als sei der Komponist eher faul oder einfallslos gewesen. Auch auf vermeintlich objektiver Ebene entlang meiner Kriterien des ursprünglichen Blogposts meine ich, dass dieses Stück als schlecht zu bemessen wäre.

Ich möchte an dieser Stelle auch erwähnen, dass ich vor allem bei solchen Bewertungen gar nicht einmal das Können des Künstlers in Frage stelle. Solche repetitiven Stücke geben mir viel mehr das Gefühl, als wäre hier Faulheit, Einfallslosigkeit oder Zeitnot der Grund. Das finde ich eher schade. Denn wenn ich damit richtig liege, würde die Frage berechtigt sein: Sollte es beim Musikmachen nicht darum gehen, die Materie so gut es geht zu ergründen, dessen Werkzeuge zu verstehen und schließlich in spielerischer und auch explorativer Art und Weise umzusetzen? Aber das Thema könnte beinahe schon wiederum einen eigenständigen Blogpost wert sein.

Fazit

Von den sieben Stücken, fand ich nur ein Stück gut. Bei drei bis vier Stücken fand ich die Qualität eher schlecht. Zwei der Stücke fand ich subjektiv nicht gut, weil ich nicht in dem Genre unterwegs bin, würde aber bei den Stücken vermeintlich objektiv vermuten, dass sie gar nicht mal minderwertig wären.

Und was geht nun in meinem Kopf ab, wenn ich Musik höre? Wie bewerte ich spontan und intuitiv die Musikqualität? Nutze ich durchweg Kriterien meines Kriterienkatalogs?

Es scheint durchaus zu einem erheblichen Teil so zu sein, dass ich Musik aus geschmacklichen Gründen subjektiv nicht gut finde. Das wird sicherlich Gründe in meiner Historie mit der Musik und Genres haben. Wenn ich ein Genre nicht viel gehört habe und nie wirklich eine Verbindung dazu aufbauen konnte, habe ich Gegebenheiten dieses Genres einfach nicht so verinnerlicht im Verlauf meiner bisherigen Musiklaufbahn. Dabei wende ich dennoch Kriterien meines Katalogs an. Nur kann es da vielleicht auch mitunter Abstufungen geben in Bezug auf Intensität z.B. Techno ist für die repetitive Art bekannt und Variationen können da ggf. in einer Form vorkommen, die so subtil ist, dass man (ich) sie kaum bemerkt. Wenn man dann etwas kaum bemerkt, würde ich es als “hat keine spürbar und legitime Variation” und somit als eher Minuspunkt einordnen. Aber hätte ich viel mehr Erfahrung in dem Genre und hätte entsprechend meine Ohren und meine Hörgewohnheit darauf geschult: hätte ich dann ggf. eine andere Toleranzschwelle für solch minimalen Variationen? Würde mir dann vielleicht die Musik, die ich in meiner momentanen Historie gern höre, so vorkommen, als wäre sie zu abwechslungsreich?

Auch bei diesem Gedankengang fällt mir letztendlich auf, dass zwei Kriterien meines Katalogs durchweg besonders viel Gewicht bei mir haben - zumindest wenn es um das spontane und intuitive Bemessen der Qualität geht: Variation und Innovation.

Oft wirken Stücke auf mich eher minderwertiger, sobald sie keine Variation aufweisen, die ich akzeptabel finde, oder in Bezug auf Innovation ebenfalls eher schwächeln. Z.B. weil sie Elemente bedienen, die meiner Empfindung nach eine Übersättigung in der gegenwärtigen Kulturwelt erfahren (4-Chord-Song wäre hier ein klassisches Beispiel).

Noch einmal zusammengefasst: Was in meinem Kopf abgeht, ist das intuitive Bewerten auf Grundlage meiner Hörgewohnheiten, die sich im Verlauf meines Lebens etabliert haben. Zudem nutze ich durchaus dabei gewisse Kriterien meines Bemessungs-Katalogs, um somit für mich schnell zu erkennen, ob ich ein Musikstück hochwertiger oder minderwertiger finde.